Aus dem Chat der WhatsApp-Gruppe WG.
Mitglieder der Gruppe: Jannik, 26, studiert Astrophysik, Leon, 24, studiert Philosophie, Rico, 25, studiert Kunstgeschichte.
Jannik: Hey, Leute! Habt ihr Lust auf eine Runde Nordsee? Morgen hin, am Samstag wieder zurück?? Mein Bruder hat einen Notruf gestartet: sie brauchen noch drei Könige für’s Krippenspiel. Sehr dringend!! Wie wär’s?
Leon: Emoji mit großen Augen, mehrere Fragezeichen.
Rico: Emoji mit großen Augen, noch mehr Fragezeichen.
Leon: Hallo?? Hatten wir nicht beschlossen, als WG hierzubleiben? Ohne Familienweihnachten in diesem Jahr??
Rico: Hallo?? WG-Weihnachten?? Ich habe schon alles für die große Käseplatte besorgt.
Jannik: Also, mein Bruder, der würd‘ sich echt n‘ Loch in die Mütze freuen, wenn wir Großen kommen und da mitspielen. Er hat 28 Sterne in der Nachricht untergebracht.
Leon: Hallo?? Darf ich Dich daran erinnern, dass ich Agnostiker bin? Mit unklarer Tendenz zum atheistischen Agnostiker? Das ist doch bestimmt in der Kirche, oder?
Rico, Nachricht mit Bild: Schaut mal hier! Das ist eine der schönsten Abbildungen der Heiligen drei Könige, die ich kenne. Ein Relief auf einem Kapitell von St. Lazare in Autun.
Leon: Verzweifelter Emoji. Das tut doch nun wirklich nichts zur Sache. Schmeißt ihr jetzt unseren ganzen Plan über’n Haufen?? Wie gesagt, die Käseplatte ist schon im Kühlschrank. Hallo? WG-Weihnachten? Seit Monaten geplant??
Jannik: Wir könnten die Käseplatte ja mitnehmen! Wenn wir morgen Abend da sind, dann schaffen wir es noch zur Generalprobe.
Rico: Und Kostüme und so? Und der Stern? Das muss dann schon ein bisschen nach was aussehen.
Jannik: Um die Kostüme kümmert sich mein Bruder. Er ist dritter Wirt, Zwinkersmiley. Und außerdem zuständig für den ferngesteuerten Stern. Emoji: Großer Stern.
Leon: Verzweifelter Emoji. Ihr wollt jetzt echt mit der Käseplatte an die Nordsee fahren?? Was gibt es dann dazu? Geräucherten Fisch?
Rico: Ein ferngesteuerter Stern? Witzig!! Also, ich bin dabei.
Leon: Zwei verzweifelte Emoji. Dann brauchen wir aber eine Kühltasche!!
Jannik: Zwinkersmiley
Rico: Zwinkersmiley
Jannik: Okay! Ich besorge eine. Ich sage meinem Bruder, dass wir kommen! Morgen um 8 geht’s los!
Wenn Jannik später an dieses Weihnachtsfest zurückdachte, erinnerte sich zuerst sein Geruchssinn. Er hatte für seinen Bruder noch ein Weihnachtsduschgel „Räucherstäbchen“ besorgt und auf die Rückbank ins Auto gelegt. Irgendwann kam Leon und stellte die sorgfältig gepackte leicht antike Monster-Kühltasche mit Schwung auf die Rückbank. Schließlich hatte Rico noch ein 9-er-Set Christbaumkugeln in der Hand. „Die müssen wir ganz vorsichtig transportieren!“ „Was hast Du damit vor?“ Das ist natürlich ein Weihnachtsgeschenk für deine Eltern!“ Jannik zuckte mit den Schultern. „Wenn Du meinst … in der Kühltasche ist noch Platz.“ Jannik öffnete die Kühltasche, legte die Christbaumkugelpackung hinein und drückte den Deckel wieder fest. In diesem Moment platzte die Duschgelflasche unter der Kühltasche und der Inhalt sickerte in den Autositz.
Es wurde eine denkwürdige Autofahrt. Nicht nur wegen der Weihnachtsduschgel-Käseplatten-Duftnote …
Also, wir sind jetzt die drei Könige. Rico schaut die beiden anderen an und grinst breit. Müssen wir uns da nicht irgendwie auf die Rolle vorbereiten? Recherchieren? Text lernen oder so?
Keine Ahnung, davon hat mein Bruder nichts gesagt. Einfach gut aussehen, das wird schon reichen. Und immer schön auf den ferngesteuerten Stern schauen.
Wo kommen die eigentlich her, die drei Könige? Gibt’s da archäologische Spuren – oder ist das einfach eine gute Geschichte? Steht die in der Bibel?
Hmm, interessante Fragen. Google doch mal.
Okay. Ah, hier ist was: Bibel in gerechter Sprache, Matthäusevangelium. Also:
Als Jesus in Betlehem in Judäa geboren war, in den Tagen des Königs Herodes, seht, da kamen königliche Magier aus dem Osten nach Jerusalem. Sie sagten: »Wo ist der neugeborene König des jüdischen Volkes? Wir haben seinen Stern im Osten aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.« Als König Herodes davon hörte, erschrak er zutiefst – und ganz Jerusalem auch. Er berief eine Versammlung aller Hohenpriester und Toragelehrten aus dem Volk, um von ihnen zu erfahren, wo der Messias geboren werden sollte. Sie sagten ihm: »In Betlehem in Judäa. Denn so steht es beim Propheten: Und du, Betlehem im Land Juda, keineswegs bist du die unbedeutendste unter den führenden Städten Judas. Denn aus dir wird ein Herrscher hervorgehen, der mein Volk Israel behütet.« Da ließ Herodes die königlichen Magier heimlich rufen, um von ihnen in Erfahrung zu bringen, zu welcher Zeit der Stern erschienen war. Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: »Geht! Stellt genaue Nachforschungen über das Kind an. Wenn ihr es gefunden habt, gebt mir Bescheid, damit auch ich kommen kann, um ihm zu huldigen.« Als sie das vom König gehört hatten, brachen sie auf. Und seht, der Stern, dessen Aufgang sie beobachtet hatten, zog vor ihnen her, bis er ankam und über dem Ort stillstand, an dem das Kind war. Als sie den Stern dort sahen, waren sie überwältigt vor Freude. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind zusammen mit Maria, seiner Mutter. Sie fielen vor ihm nieder, ihm zu huldigen. Sie breiteten ihre Schätze aus und überreichten dem Kind Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Im Traum aber erhielten sie die Weisung, nicht zu Herodes zurückzugehen. So kehrten sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück.
Königliche Magier! Leon grinst. Langsam finde ich Gefallen an der Sache. Königlicher Magier: das wäre ein Job, auf den ich mich bewerben würde. Es wäre sowieso sinnvoller, wenn die Philosophen die Welt regierten. Das hat schon Platon gesagt.
Außerdem: Wir sind ja auch nur deshalb unterwegs, weil da plötzlich ein fernes Signal durch die Atmosphäre flog und bei Dir auf dem Smartphone landete. Weil dein Bruder dir einen Stern ins Ohr gesetzt hat.
Weil dann fast (!) alle meinten, diesem Ruf folgen und die ganzen Pläne ändern zu müssen.
Und jetzt sitzen wir auf unseren Kamelen mit unseren Käsevorräten in den Satteltaschen und sagen: Wo ist der neugeborene König? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.
Rico googelt weiter. Ah, hier habe ich nochwas gefunden. Bei dieser ganzen Erzählung geht es wohl hauptsächlich darum zu zeigen, dass die Geburt Jesu in Bethlehem auch für die Menschen außerhalb von Israel Bedeutung hatte. Also für alle Menschen. Und der Rest, also, dass es drei sind, dass sie Könige sind, ihre Namen und Geschenke usw. ist sowieso spätere Legendenbildung.
Ach, egal, das passt doch super! Drei königliche Magier sitzen in einem alten Auto und fahren an die Nordsee. Weil dort der ferngesteuerte Stern aufgeht. In dem Haus, in dem sie Gott huldigen. Und wir sind die Fremden, also keine Kirchenleute, sondern die anderen, die von außerhalb, die von weither. Für die die Geburt Jesu in Bethlehem auch Bedeutung hat. Vielleicht.
Aber eins steht fest, Leute: der Geruch aus den Kamel-Satteltaschen ist echt erbärmlich. Ich weiß nicht, ob ich das noch lange aushalte. Sollten wir mal eine königliche Pause machen?
Und es kommt, was immer mal so dazwischen kommt. Unterwegs und im Leben.
Die Pause wird gemütlich.
Der Stau wird lang und länger.
Der Umweg nach Göttingen, wo ein Kumpel von Rico studiert, ist weiter als gedacht und die Probe für das Krippenspiel längst vorbei.
Kein Problem, schreibt Jannik seinem Bruder, wir sind top vorbereitet und auf jeden Fall rechtzeitig da!! Drei Emojis: Stern, Stern und Stern.
Der Abend in Göttingen ist fröhlich und lang.
Die Abfahrt am nächsten Morgen verzögert sich, weil sie vergessen hatten, den Akku der Kühltasche rechtzeitig ins Gefrierfach zu legen.
Also ist noch Zeit für ein Frühstück, bei dem sie die unzähligen Möglichkeiten ausprobieren, etwas königlich zu finden oder königlich zu tun.
Sie würzen den gemahlenen Kaffee mit Kardamom, finden noch ein Fläschchen Sekt mit Blattgold drin und zaubern kleine Canapés mit Lachs und gerösteten Wasabinüssen. Schließlich drängt die Zeit.
Das Auto zu lüften bringt wenig Linderung für ihre gestressten Nasen und ihre übernächtigten Gemüter.
Und so sitzen die drei Könige am Heiligen Nachmittag wortkarg im Auto und werfen von Zeit zu Zeit sorgenvolle Blicke auf die Uhrzeit.
Wir werden unsere Kamele wohl nicht direkt vor der Kirchentür anbinden können, oder? Rico spielt mit den unsichtbaren Zügeln in seiner Hand.
Jannik wirft einen Blick auf seine Nachrichten. Er hält seinen Bruder per WhatsApp auf dem Laufenden und sagt: Doch, sie halten uns einen Parkplatz frei. Er seufzt. Wenn wir jetzt nicht noch an der Bahnschranke halten müssen, könnte es klappen. Zur Not müssen sie erst noch ein paar Weihnachtslieder singen.
Also, passt auf: hinten in der Kirche werden wir erwartet – mit drei glitzernden Umhängen. Geschenke sollen wir selbst mitbringen … hmm naja, ist ja klar. Leon, Du nimmst einfach einen der Käse mit, nicht die ganze Kühltasche, oder?
Okay, den in der schönen Holzschachtel. Das macht sich doch gut!
Text brauchen wir keinen. Wir sollen einfach hinter dem Stern herziehen und uns dann vor dem Kind in der Krippe hinknien.
Hinknien? Echt jetzt?
Ja, klar! Und dann überreichen wir die Geschenke.
Rico grinst wieder. Käse, Second-hand-Christbaumkugeln und ein leeres Räucherstäbchen-Duschgel: na, herzlichen Glückwunsch!
Jannik macht um 16.14 Uhr eine Vollbremsung auf dem Parkplatz vor der Kirche. Um 16.15 Uhr betreten sie die Kirche und bekommen ihre Umhänge. Um 16.16 Uhr steuert Janniks Bruder den Stern über ihre Köpfe. Sie nehmen all ihre Königswürde zusammen und folgen ihm.
Nur Janniks Mutter verliert kurzzeitig die Fassung, als sie die Geschenke sieht, die ihr Sohn und seine Freunde durch die Kirche tragen. Den ganzen Abend, bis weit nach der Käseplatte, bricht sie in schallendes Gelächter aus, wenn sie nur daran denkt.
Abends beziehen sie das Matratzenlager auf dem Dachboden.
Jetzt kommt ja noch das Tollste an der Geschichte, meint Rico. Die Nacht mit dem Traum. Oder mit dem Engel.
Ich habe euch doch das Bild geschickt. Von dem Kapitell in der französischen Kirche. Schaut mal, wie wunderschön!
Die drei liegen da, so wie wir jetzt.
Waren vielleicht auch knapp dran, sind endlich angekommen, und haben wirklich gefunden, was sie berechnet und vermutet hatten. Ein neugeborenes Kind.
Dieses Kind soll wichtiger und mächtiger sein als alle Könige. Sie spüren das und knien sich hin vor dem Kind.
Für mich war das auch so.
Das fühlte sich irgendwie total richtig an, da zu knien.
Weder die Könige noch die Philosophen sind wegweisend. Sondern Gott, der größer ist, als wir uns vorstellen können, und sich so klein macht wie ein Kind.
Das ist echt krass – aber eine sehr interessante Möglichkeit, Gott zu denken.
Und dann redet der Engel im Traum mit ihnen. Und sie widersetzen sich dem Befehl des Königs Herodes und tun, was der Engel ihnen sagt.
Mal sehen, was wir heute Nacht träumen, Jungs. Vielleicht krempeln wir danach unser ganzes Leben um. Und satteln unser Kamel und folgen einem Stern.
(Predigt am 5. Januar 2025, Pfarrerin Tina Blomenkamp)