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Rezepte aus der Bibel

Rezepte aus der Bibel
Ich mag Kochbücher. Gerne blättere ich in Rezepten und lese, wie eine echte italienische Lasagne, Salzburger Nockerln oder ein genialer Eintopf zubereitet werden. Da komme ich auf Ideen – oder denke: hmm, das würde ich so nicht machen.
Und wenn es was Besonderes geben soll, dann hole ich manchmal die ganz alten Rezepte wieder raus. Das zerfledderte Kochbuch meiner Mutter mit den handschriftlichen Eintragungen. Zwei Eigelb, nicht nur eins, etwas mehr Butter und weniger Zucker. Oder ich suche in der Zettelsammlung: den Steckrübeneintopf meiner einen Oma und die Welfenspeise meiner anderen Oma. Handschriftlich in Sütterlin notiert: „Abschlagen bis zum Kochen“.
Auch die Instagram-Algorithmen haben schnell gemerkt, dass ich an Rezepten hängenbleibe. Selbstgemachte Kartoffelgnocchi, gebackene Auberginen, schnelle Brötchen.
Rezepte verändern sich. Und das, was ich koche, verändert sich. So, wie die Welt sich verändert. Ich esse internationaler, weniger Fleisch und mehr Knoblauch. Ich verwende andere Zutaten und Gewürze, ich habe neuere Informationen über eine gute und gesunde Ernährung. Und ich pflege eine große Vielfalt: manchmal liebe ich es traditionell nach Art meiner Großeltern und manchmal experimentiere ich und probiere aus, was ich irgendwo gefunden habe.
So wie ein altes Kochbuch lese ich auch die Bibel. Als Mensch im 21. Jahrhundert, in einer globalisierten Welt. Mit neuen Informationen, mit Blick auf die Vielfalt der Menschen und mit der Freiheit zu experimentieren.
Nicht alles, was da steht, ist wichtig, und manches ist total überholt. Z.B. was ich in der Bibel über das Braten von Fleisch, über das Stutzen von Bärten oder über Sexualität lese. Das klingt so, wie der Spruch meines Opas, den ich schon lange nicht mehr beherzige: Zucker sparen grundverkehrt … Und ich finde es sehr schade, wenn veraltete Regelungen immer noch dafür benutzt werden, Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung zu diskriminieren und ihnen den Segen vorzuenthalten.
In der Bibel gibt es so viele andere wunderbare Erzählungen und Empfehlungen, an die wir uns halten können! Die zeitlos richtig und wichtig sind.
Schenke und lass dich beschenken, und gönne dir etwas. (Jesus Sirach 14,16)
Ein fröhliches Herz fördert die Gesundheit. (Sprüche 17,22)
Erhebe deine Stimme für Menschen, die nicht für sich selber sprechen können! Setz dich ein für das Recht aller Schwachen! (Sprüche 31,8)
Eure Rede sei allezeit wohlklingend und mit Salz gewürzt. (Kolosser 4,6)
Und wichtiger als alles andere ist doch beim Kochen und im Leben das gleiche: die Liebe, die größer ist als alles andere. Die Liebe, die niemals aufhört.
Jesus hat sich mit so vielen verschiedenen Menschen an den Tisch gesetzt. Und gegessen und geredet und geholfen. Und gesegnet. Nicht nur manche, sondern alle.
Auf seinen Spuren sind wir unterwegs, wenn wir im August wieder SommerKirche feiern. Mit dem Thema: Rezepte aus der Bibel. Es geht um Brot des Lebens, um Kuchenbacken, Feste feiern, Wein und Lammbraten. Um die ganze Fülle des Lebens.
An jedem Sonntag im August findet ein Gottesdienst für alle Gemeinden unseres Kooperationsraums statt. Und wir laden herzlich dazu ein, die Vielfalt unserer Gemeinden zu erleben und sich beim Kirchenkaffee zu begegnen. Vielleicht hat ja jemand ein altes oder neues Rezept ausprobiert …
 

Die drei Könige aus der Oststadt

Aus dem Chat der WhatsApp-Gruppe WG.
Mitglieder der Gruppe: Jannik, 26, studiert Astrophysik, Leon, 24, studiert Philosophie, Rico, 25, studiert Kunstgeschichte.
Jannik: Hey, Leute! Habt ihr Lust auf eine Runde Nordsee? Morgen hin, am Samstag wieder zurück?? Mein Bruder hat einen Notruf gestartet: sie brauchen noch drei Könige für’s Krippenspiel. Sehr dringend!! Wie wär’s?
Leon: Emoji mit großen Augen, mehrere Fragezeichen.
Rico: Emoji mit großen Augen, noch mehr Fragezeichen.
Leon: Hallo?? Hatten wir nicht beschlossen, als WG hierzubleiben? Ohne Familienweihnachten in diesem Jahr??
Rico: Hallo?? WG-Weihnachten?? Ich habe schon alles für die große Käseplatte besorgt.
Jannik: Also, mein Bruder, der würd‘ sich echt n‘ Loch in die Mütze freuen, wenn wir Großen kommen und da mitspielen. Er hat 28 Sterne in der Nachricht untergebracht.
Leon: Hallo?? Darf ich Dich daran erinnern, dass ich Agnostiker bin? Mit unklarer Tendenz zum atheistischen Agnostiker? Das ist doch bestimmt in der Kirche, oder?
Rico, Nachricht mit Bild: Schaut mal hier! Das ist eine der schönsten Abbildungen der Heiligen drei Könige, die ich kenne. Ein Relief auf einem Kapitell von St. Lazare in Autun.
Leon: Verzweifelter Emoji. Das tut doch nun wirklich nichts zur Sache. Schmeißt ihr jetzt unseren ganzen Plan über’n Haufen?? Wie gesagt, die Käseplatte ist schon im Kühlschrank. Hallo? WG-Weihnachten? Seit Monaten geplant??
Jannik: Wir könnten die Käseplatte ja mitnehmen! Wenn wir morgen Abend da sind, dann schaffen wir es noch zur Generalprobe.
Rico: Und Kostüme und so? Und der Stern? Das muss dann schon ein bisschen nach was aussehen.
Jannik: Um die Kostüme kümmert sich mein Bruder. Er ist dritter Wirt, Zwinkersmiley. Und außerdem zuständig für den ferngesteuerten Stern. Emoji: Großer Stern.
Leon: Verzweifelter Emoji. Ihr wollt jetzt echt mit der Käseplatte an die Nordsee fahren?? Was gibt es dann dazu? Geräucherten Fisch?
Rico: Ein ferngesteuerter Stern? Witzig!! Also, ich bin dabei.
Leon: Zwei verzweifelte Emoji. Dann brauchen wir aber eine Kühltasche!!
Jannik: Zwinkersmiley
Rico: Zwinkersmiley
Jannik: Okay! Ich besorge eine. Ich sage meinem Bruder, dass wir kommen! Morgen um 8 geht’s los!
Wenn Jannik später an dieses Weihnachtsfest zurückdachte, erinnerte sich zuerst sein Geruchssinn. Er hatte für seinen Bruder noch ein Weihnachtsduschgel „Räucherstäbchen“ besorgt und auf die Rückbank ins Auto gelegt. Irgendwann kam Leon und stellte die sorgfältig gepackte leicht antike Monster-Kühltasche mit Schwung auf die Rückbank. Schließlich hatte Rico noch ein 9-er-Set Christbaumkugeln in der Hand. „Die müssen wir ganz vorsichtig transportieren!“ „Was hast Du damit vor?“ Das ist natürlich ein Weihnachtsgeschenk für deine Eltern!“ Jannik zuckte mit den Schultern. „Wenn Du meinst … in der Kühltasche ist noch Platz.“ Jannik öffnete die Kühltasche, legte die Christbaumkugelpackung hinein und drückte den Deckel wieder fest. In diesem Moment platzte die Duschgelflasche unter der Kühltasche und der Inhalt sickerte in den Autositz.
Es wurde eine denkwürdige Autofahrt. Nicht nur wegen der Weihnachtsduschgel-Käseplatten-Duftnote …
Also, wir sind jetzt die drei Könige. Rico schaut die beiden anderen an und grinst breit. Müssen wir uns da nicht irgendwie auf die Rolle vorbereiten? Recherchieren? Text lernen oder so?
Keine Ahnung, davon hat mein Bruder nichts gesagt. Einfach gut aussehen, das wird schon reichen. Und immer schön auf den ferngesteuerten Stern schauen.
Wo kommen die eigentlich her, die drei Könige? Gibt’s da archäologische Spuren – oder ist das einfach eine gute Geschichte? Steht die in der Bibel?
Hmm, interessante Fragen. Google doch mal.
Okay. Ah, hier ist was: Bibel in gerechter Sprache, Matthäusevangelium. Also:
Als Jesus in Betlehem in Judäa geboren war, in den Tagen des Königs Herodes, seht, da kamen königliche Magier aus dem Osten nach Jerusalem. Sie sagten: »Wo ist der neugeborene König des jüdischen Volkes? Wir haben seinen Stern im Osten aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.« Als König Herodes davon hörte, erschrak er zutiefst – und ganz Jerusalem auch. Er berief eine Versammlung aller Hohenpriester und Toragelehrten aus dem Volk, um von ihnen zu erfahren, wo der Messias geboren werden sollte. Sie sagten ihm: »In Betlehem in Judäa. Denn so steht es beim Propheten: Und du, Betlehem im Land Juda, keineswegs bist du die unbedeutendste unter den führenden Städten Judas. Denn aus dir wird ein Herrscher hervorgehen, der mein Volk Israel behütet.« Da ließ Herodes die königlichen Magier heimlich rufen, um von ihnen in Erfahrung zu bringen, zu welcher Zeit der Stern erschienen war. Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: »Geht! Stellt genaue Nachforschungen über das Kind an. Wenn ihr es gefunden habt, gebt mir Bescheid, damit auch ich kommen kann, um ihm zu huldigen.« Als sie das vom König gehört hatten, brachen sie auf. Und seht, der Stern, dessen Aufgang sie beobachtet hatten, zog vor ihnen her, bis er ankam und über dem Ort stillstand, an dem das Kind war. Als sie den Stern dort sahen, waren sie überwältigt vor Freude. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind zusammen mit Maria, seiner Mutter. Sie fielen vor ihm nieder, ihm zu huldigen. Sie breiteten ihre Schätze aus und überreichten dem Kind Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Im Traum aber erhielten sie die Weisung, nicht zu Herodes zurückzugehen. So kehrten sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück.
Königliche Magier! Leon grinst. Langsam finde ich Gefallen an der Sache. Königlicher Magier: das wäre ein Job, auf den ich mich bewerben würde. Es wäre sowieso sinnvoller, wenn die Philosophen die Welt regierten. Das hat schon Platon gesagt.
Außerdem: Wir sind ja auch nur deshalb unterwegs, weil da plötzlich ein fernes Signal durch die Atmosphäre flog und bei Dir auf dem Smartphone landete. Weil dein Bruder dir einen Stern ins Ohr gesetzt hat.
Weil dann fast (!) alle meinten, diesem Ruf folgen und die ganzen Pläne ändern zu müssen.
Und jetzt sitzen wir auf unseren Kamelen mit unseren Käsevorräten in den Satteltaschen und sagen: Wo ist der neugeborene König? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.
Rico googelt weiter. Ah, hier habe ich nochwas gefunden. Bei dieser ganzen Erzählung geht es wohl hauptsächlich darum zu zeigen, dass die Geburt Jesu in Bethlehem auch für die Menschen außerhalb von Israel Bedeutung hatte. Also für alle Menschen. Und der Rest, also, dass es drei sind, dass sie Könige sind, ihre Namen und Geschenke usw. ist sowieso spätere Legendenbildung.
Ach, egal, das passt doch super! Drei königliche Magier sitzen in einem alten Auto und fahren an die Nordsee. Weil dort der ferngesteuerte Stern aufgeht. In dem Haus, in dem sie Gott huldigen. Und wir sind die Fremden, also keine Kirchenleute, sondern die anderen, die von außerhalb, die von weither. Für die die Geburt Jesu in Bethlehem auch Bedeutung hat. Vielleicht.
Aber eins steht fest, Leute: der Geruch aus den Kamel-Satteltaschen ist echt erbärmlich. Ich weiß nicht, ob ich das noch lange aushalte. Sollten wir mal eine königliche Pause machen?
Und es kommt, was immer mal so dazwischen kommt. Unterwegs und im Leben.
Die Pause wird gemütlich.
Der Stau wird lang und länger.
Der Umweg nach Göttingen, wo ein Kumpel von Rico studiert, ist weiter als gedacht und die Probe für das Krippenspiel längst vorbei.
Kein Problem, schreibt Jannik seinem Bruder, wir sind top vorbereitet und auf jeden Fall rechtzeitig da!! Drei Emojis: Stern, Stern und Stern.
Der Abend in Göttingen ist fröhlich und lang.
Die Abfahrt am nächsten Morgen verzögert sich, weil sie vergessen hatten, den Akku der Kühltasche rechtzeitig ins Gefrierfach zu legen.
Also ist noch Zeit für ein Frühstück, bei dem sie die unzähligen Möglichkeiten ausprobieren, etwas königlich zu finden oder königlich zu tun.
Sie würzen den gemahlenen Kaffee mit Kardamom, finden noch ein Fläschchen Sekt mit Blattgold drin und zaubern kleine Canapés mit Lachs und gerösteten Wasabinüssen. Schließlich drängt die Zeit.  
Das Auto zu lüften bringt wenig Linderung für ihre gestressten Nasen und ihre übernächtigten Gemüter.
Und so sitzen die drei Könige am Heiligen Nachmittag wortkarg im Auto und werfen von Zeit zu Zeit sorgenvolle Blicke auf die Uhrzeit.
Wir werden unsere Kamele wohl nicht direkt vor der Kirchentür anbinden können, oder? Rico spielt mit den unsichtbaren Zügeln in seiner Hand.
Jannik wirft einen Blick auf seine Nachrichten. Er hält seinen Bruder per WhatsApp auf dem Laufenden und sagt: Doch, sie halten uns einen Parkplatz frei. Er seufzt. Wenn wir jetzt nicht noch an der Bahnschranke halten müssen, könnte es klappen. Zur Not müssen sie erst noch ein paar Weihnachtslieder singen.
Also, passt auf: hinten in der Kirche werden wir erwartet – mit drei glitzernden Umhängen. Geschenke sollen wir selbst mitbringen … hmm naja, ist ja klar. Leon, Du nimmst einfach einen der Käse mit, nicht die ganze Kühltasche, oder?
Okay, den in der schönen Holzschachtel. Das macht sich doch gut!
Text brauchen wir keinen. Wir sollen einfach hinter dem Stern herziehen und uns dann vor dem Kind in der Krippe hinknien.
Hinknien? Echt jetzt?
Ja, klar! Und dann überreichen wir die Geschenke.
Rico grinst wieder. Käse, Second-hand-Christbaumkugeln und ein leeres Räucherstäbchen-Duschgel: na, herzlichen Glückwunsch!
Jannik macht um 16.14 Uhr eine Vollbremsung auf dem Parkplatz vor der Kirche. Um 16.15 Uhr betreten sie die Kirche und bekommen ihre Umhänge. Um 16.16 Uhr steuert Janniks Bruder den Stern über ihre Köpfe. Sie nehmen all ihre Königswürde zusammen und folgen ihm.
Nur Janniks Mutter verliert kurzzeitig die Fassung, als sie die Geschenke sieht, die ihr Sohn und seine Freunde durch die Kirche tragen. Den ganzen Abend, bis weit nach der Käseplatte, bricht sie in schallendes Gelächter aus, wenn sie nur daran denkt.
Abends beziehen sie das Matratzenlager auf dem Dachboden.
Jetzt kommt ja noch das Tollste an der Geschichte, meint Rico. Die Nacht mit dem Traum. Oder mit dem Engel.
Ich habe euch doch das Bild geschickt. Von dem Kapitell in der französischen Kirche. Schaut mal, wie wunderschön!
Die drei liegen da, so wie wir jetzt.
Waren vielleicht auch knapp dran, sind endlich angekommen, und haben wirklich gefunden, was sie berechnet und vermutet hatten. Ein neugeborenes Kind.
Dieses Kind soll wichtiger und mächtiger sein als alle Könige. Sie spüren das und knien sich hin vor dem Kind.
Für mich war das auch so.
Das fühlte sich irgendwie total richtig an, da zu knien.
Weder die Könige noch die Philosophen sind wegweisend. Sondern Gott, der größer ist, als wir uns vorstellen können, und sich so klein macht wie ein Kind.
Das ist echt krass – aber eine sehr interessante Möglichkeit, Gott zu denken.
Und dann redet der Engel im Traum mit ihnen. Und sie widersetzen sich dem Befehl des Königs Herodes und tun, was der Engel ihnen sagt.
Mal sehen, was wir heute Nacht träumen, Jungs. Vielleicht krempeln wir danach unser ganzes Leben um. Und satteln unser Kamel und folgen einem Stern.
 
(Predigt am 5. Januar 2025, Pfarrerin Tina Blomenkamp)
 

Kirche auf dem Weg in die Zukunft

„Meine Kirche muss sich grundlegend ändern, wenn sie eine Zukunft haben soll.“ Sagen evangelische und katholische Christ:innen mit großer Mehrheit über ihre eigene Kirche. Das ist eins von vielen interessanten – wenn auch nicht überraschenden! – Ergebnissen der jüngsten, der sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung. Und ja, ich finde auch, dass wir uns als Kirche verändern müssen! Dass es zum Wesen der Kirche gehört, sich zu verändern.
Und dann merke ich wieder, wie leicht das gesagt und wie schwer es getan ist. 500 Jahre Gesangbuch, 50 Jahre Bücherei in der Luthergemeinde. Zwei Beispiele für das, was auch wichtig ist an Kirche. Die großen Linien. Ein Liederschatz wächst in Jahrhunderten. Heimat darin zu finden, ist ein lebenslanger Prozess. Erfolgreiche Chorarbeit entsteht über Jahre und Jahrzehnte. Bildung für alle ist wichtiger denn je. Aber: Die großen Linien brauchen Strukturen – und Strukturen werden schwerfällig. Und anfällig. Für formelhafte Sprache und Gewohntes, das wir nicht mehr hinterfragen. Für Machtmissbrauch und Wegsehen.
Kontinuität UND Neues
Mir sind einige der großen Linien unserer Kirche wichtig! Der Tiefgang unserer Theologie, die Gedanken und Hoffnungen, die größer sind als meine eigenen. Die Schönheit der alten Räume und Klänge. UND ich mag Veränderung und Neues. Schon in meinem Alltag muss ich ein gutes Maß finden. Zwischen den großen Linien und der Veränderung. Auch da habe ich gelernt, lang geplante Verabredungen nicht platzen zu lassen, weil ich gerade mehr Lust auf mein neues Projekt habe. Auch da esse ich die Erdbeeren nicht im Winter, sondern schwinge mich ein in den Rhythmus der Jahreszeiten. Aber auch da möchte ich darauf achten, dass genug Freiraum bleibt für spontane Aktionen, für Neues und ganz Anderes.
Schaut her, ich schaffe etwas Neues! Es beginnt schon zu sprießen – merkt ihr es denn nicht? Ich bin Gott und bleibe es auch in Zukunft. (Jesaja 43)
Die großen Linien und das Neue: wie schaffen wir Veränderung und Zukunft in der Kirche? Schaut her, ich schaffe etwas Neues! Es beginnt schon zu sprießen – merkt ihr es denn nicht? Sagt Gott im Buch des Propheten Jesaja. Es war ein langer und manchmal steiniger Weg, den die Verantwortlichen unseres Stadtkirchenbezirks und in unseren Gemeinden gegangen sind.
Kooperationsraum
Aber schaut her, es beginnt schon zu sprießen. Und spätestens im Sommer werden wir es merken. Ab dem 1.1.2025 werden wir als Luthergemeinde zum „Kooperationsraum Nord-Ost“ gehören und mit den Gemeinden in Rintheim, in Hagsfeld und in der Waldstadt zusammenarbeiten. Wie? Das werden wir gemeinsam überlegen. In den Ältestenkreisen und Gemeindeversammlungen. In der Dienstgruppe der vier Pfarrer:innen. In den Sommerferien, wenn wir „Sommerkirche“ anbieten.
Sommerkirche
Das heißt: An den Sonntagen im August feiern wir in jeweils einer der vier Gemeinden Gottesdienst für alle: eine schöne Gelegenheit, meine Lust auf Neues auszuleben und mal schnuppern zu gehen. Es gibt auch jedes Mal Kirchenkaffee ;-)
Veränderung und Zukunft in der Kirche: ich glaube, das kann auch Spaß machen! Und wir werden ein gutes Maß finden. Denn die große Linie ist ja da: Ich bin Gott und bleibe es auch in Zukunft.
(Tina Blomenkamp, Pfarrerin)
 
Es ist Nacht. Aber die Nacht ist nicht mehr warm und kuschlig. Sie ist kalt und feucht. Mira schläft nicht. Sie streicht mit der Hand über das Holzbrett, auf dem sie liegt. Das Kissen riecht fremd und muffig. Sie hört die Erwachsenen aufgeregt flüstern. Manchmal weinen sie auch.
Mira ist im Nahen Osten, in Israel, im Gazastreifen, in der Ukraine, in Armenien, im Sudan, in der Welt und bei uns.
Mira ist noch klein – und sie erlebt, was die neuseeländische Dichterin Shirley Murray in ihrem Adventslied beschreibt: Kriegsgewalt und Verfall und das schweigende All. Mira ist da, wo Mordwaffen sind, sie kennt Hunger und Schmerz und Menschen, die ein hasskaltes Herz haben.
Mira ist noch klein – und wir Großen schaffen es nicht, ihr das zu ersparen. Diese Ohnmacht spüre ich im Moment sehr deutlich. Und nehme sie mit durch die Adventszeit, mit zur Krippe, mit in die Weihnachtsgottesdienste, mit in meine Gebete.
Denn in der Krippe liegt ein Kind auf einem Holzbrett. Mit einem Kissen, das fremd und muffig riecht. Das Kind kommt, dichtet Shirley Murray, noch im Schlafe der Nacht, es kommt in den Kampf um die Macht.
Das Kind kommt und erinnert mich daran, dass Gott schon da ist. In den kalten feuchten Nächten. In Bretterverschlägen und Zelten, unter Brücken und Planen. In Hunger und Schmerz und an Miras Seite. Gott ist schon da. Darum zünde ich auch in diesem Dezember wieder die Kerzen an und gebe die Hoffnung nicht auf und träume die alten Träume weiter. Und wünsche mir so sehr, dass Miras Nächte wieder warm und kuschlig sind. Und singe und bitte mit Shirley Murrays Lied:
Friedenskind, in die schlafende Nacht und den Kampf um die Nacht komm nun,
bring den Traum neu zur Welt, der die Hoffnung erhält – Gottes Schalom.
Hier geht es zum Lied: In einer Aufnahme der Lutherana. Zum Anhören, Mitsingen, Mit-Wiegen in Hoffnung!
(Pfarrerin Tina Blomenkamp)